Schwierige Zeiten für das Wayuu-Volk - Kindersterblichkeit wird steigen!

Schwierige Zeiten für das Wayuu-Volk - Kindersterblichkeit wird steigen!

Menschen auf der ganzen Welt spüren die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie. Regierungen weltweit ergreifen Maßnahmen, um das Coronavirus einzudämmen – doch haben diese massive Auswirkungen auf die ohnehin bereits verheerende Situation der indigenen Völker. Ein Lockdown bedeutet eine grosse Herausforderung für die Wayuu-Indigenen, da diese, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, auf informellen Handel, pastorale Aktivitäten und die Produktion von Kleinwaren, wie die Wayuu Bags, angewiesen sind.­­­­

Das Gebiet La Guajira weist den höchsten Index für Unterernährung innerhalb Kolumbiens auf. So haben Kinder in La Guajira ein 2,25-mal höheres Risiko an Unterernährung und vermeidbaren Krankheiten zu sterben als anderen Teilen Kolumbiens. Berichten zufolge sind zwischen 2012 und 2015 fast 5000 Wayuu-Kinder an vermeidbaren Ursachen, wie Durchfall und Hunger gestorben. Diese Zahl könnte aufgrund der Pandemie derzeit exponentiell zunehmen.  

Aufgrund der Wüstenbildung erweist sich eine Selbstversorgung für die Indigenen als extrem schwierig. Daher sind die Wayuu für ihr Überleben auf die Versorgung mit Waren wie Reis, Mais und Mehl angewiesen. Während einer Quarantäne ist es jedoch nahezu unmöglich, diese Grundnahrungsmittel in den entfernt liegenden Städten zu beschaffen.

Den Regierungen in Lateinamerika gelingt es nicht, Überbrückungslösungen für indigene Minderheiten zu finden. Obwohl sich die „Bleib-Zuhause“-Politik für indigene Völker wie die Wayuu aus folgenden Gründen als schwierig erweist:  

  • Geringe oder keine soziale Sicherheit
  • Überhöhte Preise für Nahrungsmittel
  • Fehlende Ersparnisse, wodurch tägliche Arbeit zwingend erforderlich ist
  • Starke Abhängigkeit von Lebensmittelmärkten in weit entfernten Städten
  • Abhängigkeit vom lokalen Handel mit anderen Gemeinschaften für das tägliche Einkommen
  • Keine täglichen Mahlzeiten für Kinder aufgrund von Schulschliessungen

Die Wayuu sind eine auf Gemeinschaft ausgerichtete Gesellschaft

Die Wayuu leben in grossen Gemeinschaften, sogenannten Rancherias. In diesen Rancherias teilen sich 10 bis 20 Personen einer Familie einen Raum. Aufgrund der geringen Ressourcen und fehlender Märkte sind die Wayuu in Bezug auf Dienstleistungen, Handel und Nahrungsmittel auf andere Gemeinschaften angewiesen. Folglich sind die Rancherias ständig miteinander in Kontakt, um sich gegenseitig zu helfen. Daher sind für die Wayuu die für uns sinnvollen und notwendigen Regeln – „Bleib-Zuhause“ und „soziale Distanzierung“ – leider nur schwer einzuhalten.

Eine weitere kollektive Alltagspraxis ist die handwerkliche Produktion. Die Frauen betreiben bei Freunden oder einem Familienmitglied gemeinsam Kunsthandwerk und stellen zum Beispiel Wayuu-Taschen her. Aufgaben werden je nach Alter oder Fähigkeiten aufgeteilt. So passen beispielsweise ältere Kinder auf jüngere Geschwister auf, wie es bei der sechsjährigen Chiqui der Fall ist, die ihre 2-jährige Schwester und zwei kleine Cousins babysittet.

IIhr 72-jähriger Grossvater fertigt einen Teil der Schulterriemen für die Taschen an, nachdem er sich um die Ziegen der Familie gekümmert hat. In der Zwischenzeit häkeln ihre Mutter, ihre Tanten und Grosstanten, alle zwischen 20 und 73 Jahre alt, die Taschen.

 

Tatsächlich leben im Durchschnitt drei Generationen gemeinsam, was das Konzept der Isolierung älterer Menschen fast unmöglich macht. 

Überhöhte Preise für Nahrungsmitteln 

Die kolumbianische Regierung hat eine nationale Quarantäne ausgerufen, um das Virus bis Ende April 2020 einzudämmen. Die Bevölkerung im Allgemeinen ist verängstigt – vermehrt kommt es zu Ausbrüchen, ebenso nimmt die Gewalt auf den Strassen zu. Die Märkte, die den Wayuu sowohl in Kolumbien als auch in Venezuela zur Verfügung stehen, sind deshalb entweder geschlossen oder werden nicht weiter beliefert. Der Preis von Nahrungsmittel hat sich zudem fast verdreifacht. So kostet etwa 1 kg Reis normalerweise 3.500 COP (ca. 0,80 CHF) – seit dem 9. April kostet die gleiche Menge Reis 9.000 COP (2,20 CHF)..

Die Grenzschliessung zwischen Kolumbien und Venezuela trifft die venezolanische Wayuu hart  

Die Lebensmittelpreise haben sich in der kolumbianischen Guajira inzwischen fast verdreifacht. Eine Situation, für die viele Familien nicht gerüstet sind. Das venezolanische Wayuu-Volk, mit dem Mama Tierra zusammenarbeitet, bezieht seine Lebensmittelvorräte aus Kolumbien, da in Venezuela seit einigen Jahren unter grosser Lebensmittel-Knappheit leidet. Die kolumbianisch-venezolanische Grenze jedoch ist seit dem 23. März geschlossen, sodass Tausende Venezolaner nun keinerlei Zugang mehr haben zu Arbeit und Löhne, zu Nahrungsmittellieferungen sowie zu Materialien für das von ihnen betriebene Kunsthandwerk. Es ist deshalb nicht ungewöhnlich, dass sie die Grenze illegal überqueren. Doch dadurch sind die Wayuu weiteren Gefahren ausgesetzt. So drohen ihnen, sollten sie dabei aufgegriffen Gefängnisstrafen, auch Raubüberfälle sind keine Seltenheit und aufgrund mangelnder Transportmöglichkeiten gibt es für sie oftmals keine Weiterkommen in der Wüste.

Mangel an Informationen und Trinkwasser 

Nicht nur die geographische Entfernung macht es schwierig, die Wayuu über Möglichkeiten zur Vorbeugung gegen COVID-19 zu informieren, sondern auch die kulturelle. Alle Informationen sind in Spanisch, jedoch beherrschen nicht alle Indigenen die Sprache. Dies gilt insbesondere meist für älteren Menschen, die zur Risikogruppe gehören. 

Auf Grundlage von Informationsbroschüren der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Mama Tierra für 50 Familien eine Broschüre in Wayuunaiki, der Sprache der Wayuu-Indigenen, mit zuverlässigen und wichtigen Informationen zum Virus erstellt, damit diese die aktuelle Situation besser verstehen und eine Pandemie vorzubeugen.

 

Wasser ist in der Wüste von La Guajira eine knappe Ressource. Das Trinkwasser ist in der Regel mit Mikroorganismen verseucht, und das Fehlen angemessener sanitärer Einrichtungen erhöht das Risiko von Krankheiten und Infektionen. Deshalb lässt die einfachste und wirksame Präsentationsmethode –das Händewaschen – nur schwer anwenden.  

  

Ein 8-jähriger Junge und sein Esel holen Wasser aus dem nächsten Brunnen.

 

Was würde ein Ausbruch von COVID-19 in La Guajira bedeuten?

Bis zum 9. April wurde nur ein COVID-19-Fall in Riohacha gemeldet. Jedoch wäre ein Ausbruch katastrophal, da das Departement La Guajira nicht über die Mittel verfügt, sich um die Infizierten zu kümmern. Das Krankenhaus in Riohacha mit seinen 75 Intensivbetten und 40 Beatmungsgeräten ist nicht annähernd auf eine solche Situation vorbereitet: Denn wenn nur 1 % der Bevölkerung akute Symptome von COVID-19 entwickeln würde, bräuchte das Krankenhaus mindestens 3000 Betten und Beatmungsgeräte, um die Bevölkerung angemessen zu versorgen. 

Hunger und Korruption 

Seit die Schulen am 23. März wegen der nationalen Quarantäne geschlossen wurden, erhalten die Kinder von Alta Guajira in Kolumbien, nicht mehr die täglichen kostenlosen Mahlzeiten, die in der Schule für jeden Schüler angeboten werden. Für viele Kinder ist diese Mahlzeit jedoch das einzige Essen, da sie am tag bekommen. 

Bis zum 1. April hat das Welternährungsprogramm der UNO 14 367 Lebensmittelkits von den 25 788 ausgeliefert, die es im Rahmen des Notfallplans aufgrund von COVID-19 an die verschiedenen Gemeinden im Departement La Guajira verteilen werden. Berichten zufolge, treffen die dass die Nahrungsmittelpakete jedoch verspätet und unvollständig ein. 

Mama Tierra bleibt in dieser Krise nicht untätig. Erste Lebensmittel haben wir bereits an die Kunsthandwerkerinnen geschickt und wir planen, dies auch weiterhin zu tun. Hierfür brauchen wir Ihre Hilfe. Zusammen mit Ihrem Engagement können wir viel mehr bewirken.  

Mais, Reis, Spaghetti, Kaffee. Geladen in Maicao auf dem Weg nach Alta Guajira. 22. März 2020.

 

Wie Sie helfen können, erfahren Sie unter >>hier<<.

   

 

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