Verbotenes Kulturerbe und Othering

Verbotenes Kulturerbe und Othering

11. Juni 2021. Katherine Klemenz 

Die Stadt Zürich hat entschieden, im Jahr 2021 wo möglich Inschriften an städtischen Liegenschaften, die das Wort «Mohr» enthalten, im Niederdorf zu entfernen. Der Entscheid entfachte eine teils hitzige Debatte über Rassismus im Zürcher öffentlichen Raum. Der Zürcher Stadtrat begründet seinen Entscheid wie folgt: Hausfassaden mit rassistischen Zeichen oder Namen konfrontieren heute Direktbetroffene mit bestehendem Rassismus und können der Gesamtbevölkerung eine unhinterfragte Normalität suggerieren. Dies geschah allerdings nicht einfach so, als gute Tat des Stadtrats Zürichs. Sondern nach gewaltigem Druck des Vereins «Vo Da». Nach einem gescheiterten ersten Versuch rief der Verein öffentlich dazu auf, beim Zürcher Stadtrat diesbezüglich Beschwerde aufgrund von Diskriminierung im öffentlichen Raum im Niederdorf einzureichen. Der Aufruf hatte Erfolg: Rund hundert Beschwerdebriefe sind daraufhin bei der Stadt eingegangen.

Haus Neumarkt 22, 8001 Zürich. (NZZ, Aufnahme Christoph Ruckstuhl)

Entstanden sind die Hausnamen mit dem Wort «Mohr» im 14. und 15. Jahrhundert. Sie wurden mit verschiedenen schwarzen Heiligen assoziiert. Laut dem Historiker Martin Illi stammt die positive Konnotation des Wortes «Mohr» aus der christlichen Ikonografie. «So befand sich beispielsweise das Haus am Neumarkt 13 um 1443 im Besitz eines Chorherrn. Es ist denkbar, dass dieser die Figur eines dunkelhäutigen Heiligen, also einen der Heiligen Drei Könige, aufgestellt habe». Zwischen Kolonialgeschichte und den Hausfassaden besteht also kein Zusammenhang. Heute haben sich die Hausfassaden als Zeichen verändert. Schwarze Menschen empfinden diese Zeichen heute als rassistisch. Aufgrund dieser Reaktion sind die Fassaden kritisch zu betrachten.

Heiliger Mauritius

Forderungen, den Namen des Cafés Mohrenkopf gegen einen politisch korrekteren Namen auszutauschen, bestehen schon seit Jahrzehnten. Viele sehen den Grund für den plötzlichen Sinneswandel der Zürcher Verwaltung in dem Druck, den die Black-Lives-Matter-Bewegung auf Regierungen ausübt. Seit 2020 haben Anti-Rassismus-Aktivistinnen in verschiedenen Städten Rund um die Welt Monumente von Kolonialherren oder Befürwortern des Sklavenhandels zerstört. Ein Beispiel ist das Denkmal von Christopher Kolumbus in Boston, dessen Kopf abgetrennt wurde.

Amerika wurde nicht entdeckt, sondern geplündert! – So heisst es oft bei den Protesten gegen den in vielen Ländern gefeierten Kolumbus-(Feier-)Tag am 12. Oktober. Also dem Tag der Ankunft Kolumbus in der sogennanten neuen Welt. Übrigens sind als Folge der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus im Jahr 1492 bei der Besetzung durch die Europäer rund 70 Millionen Menschen ums Leben gekommen

Im Gegensatz zu Museen stellen sich Regierungen erst jetzt die Frage, wie derlei Monumente auf die Bevölkerung wirken. Eine reaktive Haltung, weshalb der oben erwähnte Entscheid der Zürcher Behörden durchaus auch einen heuchlerischen Eindruck hinterlassen kann. Da wiederholte Beschwerden bezüglich Rassismus, widerspiegelt in Hausfassaden und Monumenten, über Jahre kein Gehör fanden. Der Stadtrat hat nun die mit dem Wort «Mohr» enthaltene Hausfassaden als «rassistische Zeitzeichen» in einem Bericht betitelt. Die eingeleitete Untersuchung hatte das Ergebnis also schon als Ausgangslage genommen. Der Bericht der RiöR Projektgruppe, die Rassismus im Zürcher öffentlichen Raum untersucht, hebt eine Meinung hervor, doch ohne die Innenperspektive der Betroffenen wirklich zu erklären. Genau diese Erfahrungen würden sicher Skeptiker helfen zu verstehen, wieso Schwarze in Zürich sich von den Monumenten beleidigt fühlen. Und das Verständnis in der ganzen Diskussion fördern. Übrigens hat die Projektgruppe RiöR eine von uns dazu gestellte Anfrage nie beantwortet.

Welche sind die Pro- und Kontra-Argumente, als rassistisch empfundene Zeichen, Namen und Denkmale im öffentlichen Raum in Zürich zu entfernen?

Pro

Kontra

Rassistische Zeitzeichen und Denkmale...

beleidigen Schwarze Menschen.

Heben sozialkonstruierte Unterschiedlich hervor.

stehen für verschiedene gesellschaftliche Gruppen, wobei manche als minderwertig dargestellt sind.

legitimierten damals und legitimieren heute Rassismus.

Auch während der Zeit des Sklavenhandels gab es Gruppen, die diese Praktik kritisierten. 

erzeugen ein Gefühl von Entfremdung bei Minderheiten.

ehren ausschliesslich weisse Männer;  Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund als Macher der Geschichte sind quasi nicht vorhanden.

Sie zeigen meistens nur einflussreiche Personen.

Stehen im Widerspruch zu den heutigen ethischen Werten.

Die Entfernung rassistischer Zeitzeichen und Denkmale …

hilft nicht gegen Rassismus. Eine Entfernung garantiert keine soziale Gerechtigkeit.

ist Teil der Zürcher Geschichte, die im Gegenteil zu den Monumenten nicht ungeschehen gemacht werden kann.

ist ein Anachronismus des Sklavenhandels – da dieser damals legal war.

ist unberechtigt, da Mohr ein Süssgebäck ist und dies nichts mit Schwarzen zu tun hat.

ist eine aufgezwungene politische Korrektheit.

ist eine moderne Form der Inquisition mittels Cancel Culture.

Bahnhof Wiedikon

Otheringso der kulturwissenschaftliche Begriff der jene Alltagspraxis konzeptualisiert, die Diskriminierung fördert und rechtfertig. Othering geschieht auch durch Monumente. Ein Beispiel sind die denkmalgeschützten Fresken im Bahnhof Wiedikon. Die beiden Wandfresken stammen aus dem Jahr 1927. Otto Bamberger erstellte diese im Auftrag des Warenhauses Jelmoli. Die Wandbilder stehen im Kontrast zueinander und bilden verschiedene Dichotomien. Zu sehen sind Zürcher und Zürcherinnen als Teil einer Konsumgesellschaft zurzeit der Industrialisierung. Im Gegensatz dazu zu sehen sind die ausländisch gekleideten Männer in traditionellen Trachten, die ihre Kolonialwaren anbieten. Dabei stehen beide ethnische Gruppen im Gegensatz und verbildlichen Folgende Gegensatzpaare:

Menschen in Zürich ≠ Menschen in den Kolonien
Käufer  ≠ Verkäufer 
Weisse Menschen  ≠ People of Color
Arm  ≠ Reich
Kaufkraft  ≠ Entwicklungsnot
Von da  ≠  Von dort

Doch stehen sie in der typischen Bildsprache Jelmoli Plakate der 1920er Jahre.

Othering hebt also soziale Hierarchien hervor. Dies geschieht durch die Praxis des «Verandern» und sie ist tief in unserem Alltagsdenken eingeschrieben. Auch ich bin des öfteren mit der unangenehmen Frage konfrontiert worden: «Woher kommst du ursprünglich Dies aber ausschliesslich im direkten Kontakt mit anderen. Es kommt auch immer wieder vor, dass die Leute hier in der Schweiz mich auf Hochdeutsch ansprechen. Ich habe jahrelang mit Tausenden von Menschen telefonischen Kontakt gehabt, als Forscherin, Kundendienst-Managerin und PR-Beraterin. In diesen vielen auf Schweizerdeutsch geführten Telefongesprächen hat mich noch nie jemand nach meinem «Ursprungsland» gefragt.
Dies passiert mir jedoch immer wieder, wenn die Leute mich sehen. Als Schweizerin-Venezolanerin ist mein Äusseres angeblich «anders» als deren der «echten» Schweizerinnen. Ich fühle mich dann genötigt, die Lebensgeschichte meiner Familie zu erzählen, was für mich etwas unangenehm ist. Schliesslich muss ich mein «Dasein» berechtigen. Das stellt meine Identität als Schweizerin in Frage, denn ich bin weder halb Schweizerin noch halb Venezolanerin, sondern Bürgerin zweier Länder. Das Schlimmste an dieser vermeintlich selbstverständlichen Frage «woher kommst du ursprünglich» ist, dass ich sie auch schon selbst gestellt habe.

Wenn jemand noch nie diese Frage gestellt bekommen hat, dann kann er oder sie dieses Gefühl von Nicht-Zugehörigkeit und Scham nicht nachvollziehen. Und wer nicht schwarz ist, kann schlecht nachvollziehen, wieso Mohrenkopf eine Beleidigung ist. 

Übrigens so erklärt der Verein Zürich Kolonial in einem Beitrag über die Jelmoli Gemälde am Bahnhof Wiedikon in Zürich. Quelle Verein Zürich Kolonial 2020.

zh-kolonial · Bahnhof Wiedikon

Othering leicht erklärt

Zurück zum Thema Denkmal.

Denkmäler werden errichtet, um Personen und ihre Geschichte darzustellen und zu verewigen. Wenn dieses Narrativ in der öffentlichen Meinung nicht mehr gilt, stützt das Denkmal Unrecht, siehe dazu Atuire 2020. Genau das passiert aktuell mit den Statuen von David de Pury in Neuchâtel, der angeblich sein Vermögen mit dem Handel brasilianischen Edelholzes und Diamanten gemacht hat.  2_David_de_Pury_statue_neucha__tel_peinture_rouge.jpg

Ein anderes kritisiertes Denkmal ist jenes von Johann Augustus Sutter, der in den USA im 19. Jahrhundert ebenfalls in den Sklavenhandel involviert war und zum Genozid der lokalen indigenen Völker beitrug.

Auch die Alfred-Escher-Statue am Zürcher Bahnhof steht in der Kritik. Eschers Familie investierte in Sklavenschiffe und besass in Kuba Plantagen mit mehr als 80 Sklaven. Inzwischen werden Stimmen laut, die fordern, das Denkmal vom Bahnhofplatz zu entfernen und ins Museum zu «verbannen».

alfred-escher-denkmal

Die Umbenennung von öffentlichen Plätzen und die Entfernung von Denkmälern ist ein neuer Weg der öffentlichen Erinnerungskultur. Gegangen ist diesen Weg bereits die Stadt Neuchâtel. Der dortige zentrale Platz bei der Universität war lange  nach dem Namen des Naturforschers und Rassentheoretikers Louis-Agassiz benannt. Im Juni 2019 entschied die Stadt,  das  Denkmal umzubenennen. Heute heisst der Platz «Espace Tilo Frey» nach der ersten schwarzen Nationalrätin der Schweiz. Doku auf SRF schauen:

Mehr Beispiele hier.

Sollen wir diese Denkmäler im öffentlichen Raum so belassen? Es leuchtet schon ein, warum die Monumente so nicht einfach stehen bleiben können. Denn sie stehen gegen die Werte der Bevölkerung. Aber vielleicht gehören sie auch nicht in Museen, weil die Objekte dadurch an Wert gewinnen, wie Sharon Macdonald argumentiert. In Deutschland etwa befindet sich in der Kongresshalle des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg seit 1998 ein Dokumentationszentrum. Also kein Museum, da durch das Zeigen von Objekten einen gewissen Zauber auf die Menschen ausgeübt werden könnte. Museumsobjekte gewinnen an Wert als Sammelobjekte und stehen so weiterhin auf einem Podest. Trotzdem sollte laut Sharon Macdonald das schwieriges Erbe, in unseren Fall die Beteiligung der Schweiz am Sklavenhandel, neu aufgegriffen, besprochen und besonders nicht vergessen werde.

Sollen wir diese Denkmäler im öffentlichen Raum so belassen? Es leuchtet schon ein, warum die Monumente so nicht einfach stehen wbleiben können. Denn sie stehen gegen die Werte der Bevölkerung. Aber vielleicht gehören sie auch nicht in Museen, weil die Objekte dadurch an Wert gewinnen, wie Sharon Macdonald argumentiert. In Deutschland etwa befindet sich in der Kongresshalle des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg seit 1998 ein Dokumentationszentrum. Also kein Museum, da durch die Ausstellung und Narrative einen gewissen Zauber auf die Menschen ausgeübt werden könnte. Museumsobjekte gewinnen an wirtschaftlichen und emotionalen Wert als Sammelobjekte und stehen so weiterhin auf einem Podest. Trotzdem sollte laut Sharon Macdonald das schwieriges Erbe, in unseren Fall die Beteiligung der Schweiz an den Sklavenhandel, neu aufgegriffen, besprochen und besonders nicht vergessen werden. 

Aber was mit multinationalen Unternehmen, wo Menschenrechtsverletzungen häufig üblich sind?

So unterstützt beispielsweise das im Rohstoffhandel tätige Unternehmen Glencore aus Baar zahlreiche kulturelle Projekte, unter anderem das Kunsthaus Zug, die Jazz Night Zug, das Lucerne Festival. Auch ein Gebäude der katholischen Kirche in Zug hat das Grossunternehmen mit Millionen mitfinanziert. NPOs haben Glencore seit Jahren im Visier: Das Unternehmen soll Menschenrechtsverletzungen begangen haben sowie verschiedene in der Schweiz als Straftat geltende  Umweltverschmutzungen-Verbrechen. 

Wann und ob letztendlich ein Wandel stattfinden wird, ist unklar, aber sicher ist, dass es derzeit einen Trend zur moralischen Wertung von Monumenten und Gebäude gibt. Zukünftige Generationen werden sicherlich auch den Ursprung derartiger Investitionen weiter hinterfragen.  

Koloniale Zeitzeichen in öffentlichen Gebäuden nicht mehr unreflektiert belassen werden (Projektgruppe Rassismus im öffentlichen Raum, 2021).

Dembah Fofanah im Interview mit NZZ, 2021. Bildquelle: SRF 2020. 

Wie ist das zu verstehen Herr Fofanah?

Theorien aus der Ethnologie können dabei hilfreich sein. Die Reaktion die  Monumente auf Menschen haben, kann mit der Theorie über das soziale Leben der Dinge (social life of things) erklärt werden, siehe Arjun Appadurai 1988. Besonders sind dabei die Überlegungen und Transaktionen der Menschen, die dem Lebenslauf der Dinge zugrunde liegen, was Objekte belebt (Igor Kopytoff  1986). Denkt mal drüber nach, ist total spannend. 

Übrigens hier ein musst-read über politische Korrektheit in der Sprache in Bezug auf Rassismus 

Interview mit Pamela Ohene-Nyako über strukturellen Rassismus in der Schweiz.

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