Wayuu in unmittelbare Gefahr aufgrund von COVID-19

Wayuu in unmittelbare Gefahr aufgrund von COVID-19

Eine Einschätzung der Gesundheitsrisikofaktoren unter den indigenen Wayuu im Norden Kolumbiens aufgrund der COVID-19-Pandemie.

Douglas Fernandes DaSilva, PhD-Kandidat an der Universität Zürich und Projektleiter von Mama Tierra. 

Wir alle spüren die gesundheitlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie. Die meisten Gesellschaften kämpfen darum, ihre Bevölkerung in Schach zu halten, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen und die Zahl der Todesopfer zu reduzieren. Im Allgemeinen verfügen wir in den westlichen Gesellschaften über das Wissen, die Instrumente und meistens auch über die Infrastruktur, um Ansteckungen zu reduzieren. Laut dem aktuellen Wissensstand erholen sich 98% der positiv getesteten Personen vom Virus.

Die Wayuu in Alta Guajira im Norden Kolumbiens und im Nordwesten von Venezuela sind jedoch auf sich allein gestellt. Tatsächlich verfügen die dortigen Indigenen nicht über die grundlegenden Instrumente zur Bekämpfung eine solchen Pandemie. Wie schon bekannt, besteht die einfachste und am weitesten verbreitete Methode zur Verringerung der Infektion und Verbreitung des Coronavirus darin, sich vermehrt die Hände mit Wasser und Seife zu waschen. Wer schon in einer Wayuu-Siedlung kommt, wird jedoch feststellen, dass Wasser knapp und wahrscheinlich mit Mikroorganismen verseucht ist. Seife ist in wenigen Fällen erhältlich und es fehlt an angemessenen sanitären Einrichtungen.  

Wayuu in grosser Gefahr aufgrund von COVID-19.


Die Gründe hierfür sind: 

1. Kein Zugang zu sauberem Wasser.

2. Keine medizinische Versorgung. Das nächstgelegene Krankenhaus liegt mehrere Stunden entfernt.

3. Ein Grossteil der indigenen Bevölkerung in Alta Guajira ist unterernährt und damit anfälliger für Krankheiten.

4. Grosse Familien zwischen 10 bis 20 Personen unter einem Dach erhöhen das Infektionsrisiko.

Es gibt kein Trinkwasser 

Es gibt zwei Wasserquellen, die von den Wayuu genutzt werden. 

1. Der Jaguey ist ein künstlicher Teich, in dem Regenwasser gesammelt wird. Sowohl Menschen als auch Tiere nutzen den Teich zum Trinken und Baden. In Interviews, die ich im Januar 2020 geführt habe, berichteten nur 4% der Indigenen, dass sie auf irgendeine Art das Wasser kochen oder filtern. Somit trinken die meisten das Wasser aus dem Teich und ungefiltert. 

2. Wasserbrunnen sind von Hand bis auf 12 Meter Tiefe gegrabene Brunnen, die das niedriges Grundwasser erreichen. Menschen und Tiere dient es zum Trinken und Baden. Die Brunnen sind von den meisten Haushalten, die mit Mama Tierra in der Gemeinde Parauaipoa zusammenarbeiten, innerhalb von 30 bis 55 Minuten zu Fuss erreichbar. Wasseranalysen zeigen, dass das Wasser trotz seines auf den ersten Blick sauberen Scheins extrem hart ist (220 mg/l unlösliche Metalle und Salze) und die Mineralienkonzentrationen, die bis zu 7 Mal höher sind als die für Trinkwasserstandards akzeptablen Werte. Die hohen Konzentrationen von Natrium, Chlorid, Sulfat und Magnesium im Wasser können viele negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit haben, die zu Durchfall und Dehydrierung beitragen (WHO 2017). Im Moment liegen diese Wasserquellen trocken. Die Wayuu müssen zwischen einer und mehrerer Stunden laufen, um zum nächsten Brunnen zu gelangen. 

Mangelnde medizinische Versorgung im Allgemeinen

Familien, die in den Regionen mit hoher Wüstenbildung in Alta Guajira leben, brauchen durchschnittlich eine Stunde, um das nächste Gesundheitszentrum mit dem Auto zu erreichen. Jedoch kann es bis zu 3 bis 5 Stunden dauern, um zu einer Klinik kommen, da viele Indigene nicht über die nötigen finanzielle Mittel verfügen, um einen Transport zu bezahlen. Laut der kolumbianischer Regierung sind 53% der Bevölkerung in La Guajira arm und 26% leben in extremer Armut. In Alta Guajira dürfte die Zahl vermutlich noch wesentlich höher sein.

Das Departement La Guajira kann keiner Pandemie Stand halten 

Darüber hinaus gibt es in den Gemeinden Uribia und Manaure nicht genügend Kliniken und Krankenhäuser. Die Gemeinde Uribia hat eine Fläche von 8'200 km2, die Gesamtbevölkerung liegt bei etwa 117 000 Einwohnern. 105 000, also 90% davon sind Wayuu. Uribia verfügt über zwei Krankenhäuser (eines in Nazareth und eines in der Stadt Uribia) und nur sechs Kliniken für die Versorgung der Bevölkerung. In der 1 900 km2 grossen Gemeinde Manaure leben ungefähr 68 000 Menschen, sind 4 '000 (68%) davon sind Wayuu. Manaure verfügt über ein Krankenhaus und fünf Kliniken, die der gesamten Bevölkerung zur Verfügung stehen.

Gefälle in Gesundheitsversorgung zwischen indigener und nicht indigener Bevölkerung

Im Vergleich dazu umfasst die touristenreiche Gemeinde Riohacha eine Fläche von 3 100 km2 und 30 000 (20%) der insgesamt 150 00 dortigen Bevölkerung sind Wayuu-Indigene. Mit Kliniken und Krankenhäusern verfügt Riohacha über 164 Gesundheitseinrichtungen, die der Bevölkerung zur Verfügung stehen [DANE 2005, GDC 2018]. Somit besteht daher ein deutliches Gefälle zwischen den Gemeinden, und die spezifischen, von den Wayuu dicht besiedelten Gebiete scheinen in Bezug auf die Gesundheitsinfrastruktur benachteiligt zu sein. Die Isolationsstation des Spitals von Riohacha, der Hauptstadt des Departements La Guajira in Kolumbien, verfügt derzeit über gerade  einmal 14 Betten. 

Situation in Venezuela unklar

Viele unserer venezolanischen KunsthandwerkerInnen beziehen Nahrungsmittel und Medizin in Kolumbien, da solche Waren in Venezuela nicht erhältlich sind. Die Grenze zwischen Kolumbien und Venezuela bleibt jedoch ab dem 24. März geschlossen. Grosse Sorge herrscht deshalb bei den Indigenen, die sie ihren Lohn und ihr Material in Kolumbien beziehen. Die Wayuu planen deshalb, die Grenze auf den gefährlichen "Trochas", d.h. klandestine Landwege, die für Schmuggelware wie Benzin benutzt werden, zu passieren. Wir raten ihnen davon ab, und haben viele Familien mit Nahrung und notwendigem Arbeitsmaterial versorgt, damit diese die Quarantäne zu überbrücken können. 

Pandemien haben schon immer Indigene dezimiert  

Im Moment bräuchten wir nur einen Coronafall in der Alta Guajira und dieser könnte die gesamte dortige Bevölkerung auslöschen. Erinnern wir uns an die H1N1-Schweinegrippe-Pandemie im Jahr 2009. Indigene Völker machen nur 4 % der kanadischen Bevölkerung aus, aber 10% Indigene wurden krank während der damalige Schweinegrippe. 

Die kolumbianische und venezolanische Regierung sowie private und gemeinnützige Institutionen sind dringend aufgefordert, in dieser schwierigen Zeit diese indigene Minderheiten bei der Bewältigung der Pandemie zu unterstützen. Wir von Mama Tierra tragen unseren Teil dazu bei, Prävention und sofortige Hilfe sorgfältig zu planen und durchzuführen, um unser Engagement für die von uns unterstützten Wayuu aufrechtzuerhalten.

Spenden Sie, für den Lebensunterhalt und die Gesundheit der Wayuu-Gemeinschaften hier:
https://mama-tierra.org/de/content/40-spenden

M.A. Douglas Fernandes da Silva ist Doktorand an der Universität Zürich und Leiter der Abteilung für nachhaltige Entwicklung bei Mama Tierra. Er forscht über den Zusammenhang zwischen der fortschreitenden Wüstenbildung in der kolumbianischen Guajira und der Gesundheit der Wayuu-Indigenen. 

Seine Forschung umfasst folgende Forschungsfragen: 

1) Können wir die Bodendegradation durch den Aufbau von Wasser- und Agrarinfrastrukturen vermeiden?

2) Wie sieht die aktuelle medizinische Kapazität der kolumbianischen Regierung zur Versorgung de Wayuu-Bevölkerung aus?

3) Was tun staatliche, private und gemeinnützige Organisationen, um gegen Ernährungsunsicherheit, Unterernährung, Krankheit und Kindersterblichkeit der Wayuu-Bevölkerung vorzugehen?

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